Marienerscheinungen als Gegenprogramm – von Sievernich bis Medjugorje

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

Eine „unglaubliche Geschichte“ war es von Anfang an.

1984 trat die damals 17 Jahre alte Manuela Strack aus dem Kreis Düren (Nordrhein-Westfalen) in der RTL-Mysteryshow „Unglaubliche Geschichten“ auf und erzählte dem staunenden Moderator Rainer Holbe, dass sie ein Medium für Jesus sei.

Am 8. Juni 2000 erschien Manuela dann die Mutter Gottes, in der kleinen Pfarrkirche St. Johann Baptist zu Sievernich, und verkündete die Botschaft:

Liebe Kinder, versammelt euch gemeinsam zum Gebet. Einen jeden von euch habe ich gerufen. Ruft ihr den Namen meines göttlichen Sohnes an! Werdet lebendige Gebetsperlen meines Rosenkranzes, dies ist mein innigster Wunsch. Werdet mein Rosenkranz. Jede kleinste Perle ist wichtig und gemeinsam sind sie verbunden zu einem wirkungsvollen Gebet. Ich rufe euch, ihr jedoch entscheidet selbst, ob ihr meinem Ruf folgt. Diese freie Entscheidung möchte mein göttlicher Sohn von euch. Aus Liebe sollt ihr euch für Ihn entscheiden.

Am 3. Oktober 2005 endeten die „Erscheinungen“ wieder – seitdem pflegt die „Seherin“ allerdings regen Kontakt mit zahlreichen anderen Heiligen, zuletzt mit dem maronitischen Mönch Charbel am 22. Mai 2026.

Ausführlich kann man die Geschichte der „Erscheinungen“ von Sievernich bei dem Historiker und Theologen Helmut Zander nachlesen. Im Deutschlandfunk sagte Zander dazu:

Diese Marienerscheinungen sind sehr ästhetisch, viele Katholiken vermissen das im Gottesdienst; oder Maria fordert, Dinge zu tun, die nach dem Zweiten Vatikanum, dem Konzil in den sechziger Jahren, eine geringere Bedeutung bekommen haben – also Buße, Rosenkranz, Gebete, eine hoch-eucharistische Frömmigkeit.

Das heißt, die Marienerscheinung in Sievernich ist auf der einen Seite ein ästhetischer Erfahrungsraum für bestimmte Katholiken, auf der anderen Seite ist sie ein Gegenprogramm zu vielem, was im Zweiten Vatikanischen Konzil durchgesetzt wurde.

Und obwohl Marienerscheinungen, wie sie für Sievernich berichtet werden, „Plausibilität nur in einem katholischen Milieu besitzen, das bestimmte soziale Bedingungen erfüllt“ (Zander), lässt das Bistum Aachen die Geschehnisse in dem 500-Einwohner-Ort jetzt prüfen:

https://kirchenrecht-bac.de/document/10372#s00000206

Seit 2024 stehen der katholischen Kirche ein halbes Dutzend Optionen für die Beurteilung solcher „Wunder“ zur Verfügung:

  • Nihil Obstat: Keine Gewissheit über die übernatürliche Echtheit, aber doch Anzeichen für ein Wirken des Heiligen Geistes.
  • Prae oculis habeatur: Wichtige positive Zeichen, aber auch Elemente der Verwirrung oder mögliche Risiken, die eine sorgfältige Entscheidung und Dialog mit den Empfängern (z.B. Sehern) bestimmter geistlicher Erfahrungen erfordern.
  • Curatur: Kritische Elemente, aber eine weite Verbreitung des Phänomens mit nachweisbaren geistlichen Früchten. Von einem Verbot, das die Gläubigen verwirren könnte, wird abgeraten, aber der Bischof wird aufgefordert, das Phänomen nicht zu fördern.
  • Sub mandato: Kritische Punkte, die sich nicht auf das Phänomen selbst beziehen, sondern auf den Missbrauch durch Einzelne oder Gruppen. Der Heilige Stuhl betraut den Bischof oder einen Delegierten mit der pastoralen Leitung des Ortes.
  • Prohibetur et obstruatur: Trotz einiger positiver Elemente sind die kritischen Aspekte und Risiken schwerwiegend. Der Bischof soll öffentlich erklären, dass das Festhalten an diesem Phänomen nicht zulässig ist.
  • Declaratio de non supernaturalitate: Der Bischof wird ermächtigt, auf der Grundlage konkreter Beweise zu erklären, dass das Phänomen nicht als übernatürlich zu betrachten ist.

Am Ende wird es wohl darum gehen, weder gläubige Anhänger zu verschrecken noch die Rationalisten zu enttäuschen.

Allerdings erhielten auch die Marienerscheinungen von Medjugorje vor zwei Jahren überraschend das positive Verdikt „Nihil Obstat“ – obwohl die vielen Fragwürdigkeiten der dortigen Vorgänge sogar in der Note des vatikanischen Dikasteriums für die Glaubenslehre mehr als nur angedeutet werden, zum Beispiel:

Auch wenn derartige Botschaften in Medjugorje nicht häufig vorkommen, finden wir einige, die sich eindeutig aufgrund der persönlichen Wünsche der angeblichen Seher erklären lassen.

Ein paar schöne Bilder vom Jugendfestival in Medjugorje gibt’s in der neuen BR-Doku „Holy Mary – Wer glaubt an Marienerscheinungen?“ zu sehen:

https://kurzlinks.de/u8fh

Viel mehr allerdings auch nicht – der 45-minütige Beitrag fragt nicht nach der Echtheit der „Erscheinungen“ von Lourdes und Medjugorje, sondern warum auch im 21. Jahrhundert Millionen Menschen zu diesen Orten pilgern. Immerhin kramt der BR ein paar Archivbilder aus den Anfangstagen der „Erscheinungen“ in der westlichen Herzegowina vom Sommer 1981 heraus:

https://medjugorje.hr/de/our-lady-apparations

Der Psychologe und Theologe Dr. Ivan Zeljko schreibt in seinem Buch:

Nachdem sich die Psycho- und Soziodynamik der Ereignisse in Medjugorje weitgehend verselbständigt hat, ist heute nicht leicht zu ermitteln, woran die Seher und die beteiligten Geistlichen wirklich glauben oder nicht glauben.

Sehr wahrscheinlich brauchte es für die „Erscheinungen“ lediglich eine Gruppe eidetisch begabter Jugendlicher, welche die sich bietende Möglichkeit einer „Heiligenkarriere“ entschlossenen realisierten, und deren individuellen Wünsche zur richtigen Zeit am richtigen Ort an die Ziele und Bedürfnissstruktur ihrer franziskanischen Seelenführer, der Dorfgemeinschaft, der kroatischen Katholiken in Bosnien-Herzegowina und möglicherweise sogar des Vatikans (dem ein antikommunistisches Bollwerk wie in Polen vorschwebte) andockten.

Unspektakulär gingen im vergangenen Monat die Feierlichkeiten zum 109. Jahr der Erscheinungen von Fatima über die Bühne. Dazu gab es auch schon mal eine zumindest in Teilen kritische BR-Doku (2010):

Die Dokumentation „Tatort in Fatima – Die Wallfahrt des Michael Fitz“ widmet sich dem portugiesischen Pilgerort Fatima. Die Filmemacher besuchen diesen Platz zusammen mit dem bekannten Schauspieler Michael Fitz und gehen somit auf eine ganz persönliche Reise, zu dem Ort, an dem Marienerscheinung, Glaube und Geist aufeinandertreffen.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: BR

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