„Die Alarmierten“ sind auf beiden Seiten: Michael Butter über Verschwörungstheorien

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Nichts grundlegend Neues, aber eine kompakte Zusammenfassung der wichtigsten Fragen zum Thema Verschwörungstheorien mit dem Tübinger Kulturwissenschaftler Michael Butter (zirka 90 Minuten):

Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten – Buchvorstellung

Butter bekräftigt noch einmal seine Auffassung, dass

  • der Begriff „Verschwörungstheorie“ völlig angemessen ist und sprachliche Alternativen wie „Verschwörungserzählung“ oder „Verschwörungsmythos“ ungeeignet seien, da sie das Phänomen nur unzureichend erfassen und problematische Assoziationen evozieren
  • Verschwörungstheorien nicht ausnahmslos gefährlich, antisemitisch oder antidemokratisch sind, sondern oftmals
  • ein Symptom für tieferliegende Probleme und Nöte darstellen (ab Minute 53:20):

Wenn wir sagen, in den USA sind Verschwörungstheorien die Ursache der Krise der Demokratie, dann sind sie in Deutschland eher so ein Symptom der Krise.

Das heißt, die Menschen glauben an Verschwörungstheorien und erklären sich viele Dinge mittlerweile über Verschwörungstheorien, weil sie generell misstrauisch geworden sind, weil sie generell skeptisch geworden sind gegenüber dem System.

Darüber hinaus kritisiert er die „Verschwörungstheoriepanik“ in Deutschland und die Vielzahl der zivilgesellschaftlichen Projekte, deren Nutzen weitgehend unklar sei (Minute 54:20):

Man muss noch dazu sagen, es gibt nirgendwo, in keiner europäischen Region, so viele Projekte, zivilgesellschaftliche und andere, die sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen wie in Deutschland […]

Wenn man quasi Bevölkerungszahl und Zahl der Projekte gegeneinander aufrechtet, da ist in Deutschland eine sehr große Sorge um das Thema, die sich in sehr vielen solcher Maßnahmen niederschlägt.

Um Verschwörungstheorien wirksam zu begegnen, brauche es mehr als Faktenchecks, Handreichungen, Beratungen und Schulungen (Minute 59):

Wenn wir die Idee ernst nehmen, dass Verschwörungstheorien ein Symptom sind, dann würde es sich natürlich lohnen, an den Wurzeln anzusetzen.

Und wir wissen halt, dass Verschwörungstheorien durch ein Gefühl des Abgehängtseins – das ja nicht immer unberechtigt ist – motiviert werden, dass Verschwörungstheorien durch ökonomische Ungleichheit, durch Krisen motiviert werden, dass Kontrollverluste, die Verschwörungstheorien antreiben, dadurch entstehen können, dass man nicht aufgefangen wird vom Sozialstaat, dass die Krankenversicherung nicht mehr zahlt, dass man nicht mehr leben kann von dem Geld, das man bekommt, wenn man seine Arbeitsstelle verloren hat, und solche Dinge.

Das heißt, und das ist natürlich ein unrealistisches Argument in diesen Zeiten, wo eh kein Geld da ist: Wenn man wirklich sinnvoll etwas machen wollte, dann wäre das der Punkt, wo man ansetzen müsste.

Aber auch dann, das muss man ganz klar sagen, würden wir die Zahl der Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, natürlich nie auf null drehen können. Verschwörungstheorien sind ein integraler Bestandteil aller modernen Gesellschaften seit der frühen Neuzeit.

Den Vortrag gibt es im Videoportal der Uni Freiburg und bei Youtube.

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