Verschwörungsglaube in Deutschland geht leicht zurück

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

Der Verschwörungsglaube in Deutschland ist rückläufig – jedenfalls nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung.

Im neuen Religionsmonitor, der unter dem Titel „Verschwörungsglaube als Gefahr für Demokratie und Zusammenhalt“ steht, heißt es:

Im September 2024 halten 28 Prozent der deutschen Bevölkerung die Aussage „Es gibt geheime Organisationen, die einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“ für mindestens wahrscheinlich. Zwei Jahre zuvor war noch rund ein Drittel (33 Prozent) davon überzeugt.

Die Aussage „Regierungsbehörden überwachen alle Bürger genau“ halten 2024 17 Prozent der Bevölkerung für mindestens wahrscheinlich. Zwei Jahre zuvor betrug dieser Anteil noch 27 Prozent.

Die dritte Aussage zur Messung von Verschwörungsglaube – „Ereignisse, die auf den ersten Blick nicht in Verbindung stehen, sind oft das Ergebnis geheimer Aktivitäten“ – findet 2024 bei 19 Prozent der Bevölkerung Zustimmung. Im Jahr 2022 war dieser Anteil mit 22 Prozent etwas höher.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/verschwoerungsglaube-als-gefahr-fuer-demokratie-und-zusammenhalt

Das Problem mit solchen Erhebungen ist allerdings, dass die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar sind. In der Regel werden für die Studien Varianten des „Conspiracy Mentality Questionnaire“ (CMQ) verwendet. Drei Standardfragen daraus lauten:

  • Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.
  • Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.
  • Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte.

Auf dieser Grundlage ergaben sich in den vergangenen Jahren zum Beispiel diese Zahlen:

Leipziger Autoritarismus Studie 2020:

Mitte-Studie 2022/23:

Mitte-Studie 2020/21:

Die Bertelsmann Stiftung benutzt nach eigenen Angaben eine „Kurzversion“ des CMQ. Je nach Fragestellung und Lesart ist der Verschwörungsglaube in anderen Umfragen mal höher (bis zu 38 Prozent), mal niedriger (etwa neun Prozent) als im aktuellen Religionsmonitor. Als Faustregel kann aber gelten, dass

… immer noch ein Fünftel bis zu einem Drittel der Bevölkerung ansprechbar für Verschwörungsnarrative ist.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/verschwoerungsglaube-als-gefahr-fuer-demokratie-und-zusammenhalt

Werden lediglich diejenigen gezählt, die alle drei Aussagen

  • Es gibt geheime Organisationen, die einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben
  • Regierungsbehörden überwachen alle Bürger genau.
  • Ereignisse, die auf den ersten Blick nicht in Verbindung stehen, sind oft das Ergebnis geheimer Aktivitäten.

… für mindestens wahrscheinlich halten und somit eine verschwörungsideologische Neigung haben, ist der Anteil deutlich niedriger (15 Prozent im Jahr 2024 vs. 21 Prozent im Jahr 2022).

Der Anteil der Verschwörungsfundamentalist:innen – also derjenigen, die vom Wahrheitsgehalt der drei Aussagen völlig überzeugt sind – beträgt aktuell zwei Prozent; zwei Jahre zuvor waren es drei Prozent.

Befragt wurden insgesamt 4.363 Menschen, die repräsentativ für die Bevölkerung seien. Der Verschwörungsglaube gehe mit

  • politischem Misstrauen
  • gesellschaftlicher Entfremdung
  • allgemeiner Unzufriedenheit

einher.

Ansonsten zeigt die Studie folgendes Bild:

  • Starke religiöse oder spirituelle Überzeugungen („hochreligiöse und hochspirituelle Personen“) können eine Brücke für Verschwörungsglauben sein.
  • Katholiken hängen häufiger Verschwörungserzählungen an als Protestanten.
  • „Unter den richtigen Bedingungen“ könne das Gemeinschaftsgefühl einer religiösen Gemeinde aber vor Verschwörungsanfälligkeit schützen.
  • Der Anteil an Einkommensschwachen unter Verschwörungsanfälligen ist überdurchschnittlich hoch.
  • Personen mit niedriger Bildung sind häufiger verschwörungsgläubig.
  • Menschen in ländlichen Regionen sind häufiger betroffen im Vergleich zu Menschen, die in städtischen Gebieten leben.
  • Männer im Alter zwischen 30 und 45 Jahren sind überrepräsentiert.
  • Verschwörungsanfällige sind eher antisemitisch, antimuslimisch und politisch rechts eingestellt.
  • Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind – also Zugewanderte – sind eher empfänglich für Verschwörungsnarrative.

In einem Interview mit der Zeit erklärt die Studienleiterin Dr. Yasemin El-Menouar:

Die Lage ist angespannt, aber Deutschland resilient.

Ich denke, wenn Politiker öfter direkt mit Bürgerinnen und Bürgern sprechen, transparent kommunizieren und keine unrealistischen Versprechungen machen, können sie viel erreichen. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen ins Gespräch kommen, beugt das Misstrauen vor.

Wichtig ist, dass in der Bildung stärker über antisemitische und antimuslimische Verschwörungserzählungen aufgeklärt wird.

Tatsächlich steht Deutschland im internationalen Vergleich ganz gut da:

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/verschwoerungsglaube-als-gefahr-fuer-demokratie-und-zusammenhalt

Explizit weist die Studie auf den Zusammenhang zwischen Alternativmedizin, Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsglauben hin (Seite 55):

Auffallend ist, dass beide Einstellungen unter den Verschwörungsanfälligen statistisch signifikant stärker verbreitet sind als in der Gesamtbevölkerung.

Eine Neigung zu alternativen Ansätzen in der Medizin sowie eine generelle Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen hängen offenbar tatsächlich mit einer Offenheit für Verschwörungstheorien zusammen.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/verschwoerungsglaube-als-gefahr-fuer-demokratie-und-zusammenhalt

Der neue Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung steht hier zum kostenlosen Download bereit.

Quellen:

Titelfoto: Rationalwiki

Kommentare

4 Kommentare zu „Verschwörungsglaube in Deutschland geht leicht zurück“

  1. Theo Bonkhofer

    Die in dem CMQ genutzte These „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.“ ist m.E. nicht eindeutig. Wie geheim soll geheim sein?

    Es gibt m.E. starke Gruppierungen, die nicht gerade transparent auftreten, die versuchen, großen Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Da weiterhin viel Geld in solchen Gruppen dafür bereitgestellt wird, gibt es offensichtlich auch eine Rendite, ein gewünschtes Ergebnis.

    Ich persönlich hätte ein Problem damit, diese These mit einem klaren „NEIN“ zu beantworten. Es bedarf aber keiner Echsen, Big Money reicht.

  2. Timm Grams

    Verschwörungsgläubiger im Sinne von skeptix bin ich sicherlich nicht. Dennoch neige ich dazu, folgende CMQ-Aussage zu bejahen: »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte.« Die USA betreffend denke ich da an den militärisch-industriellen Komplex, an die Heritage Foundation und das Atlas Network.

  3. Bernd Harder

    @Timm Grams/Theo Bonkhofer:

    Die Vermutung liegt natürlich erst einmal nahe, dass diese Fragenmuster, wie z.B. der Conspiracy Mentality Questionnaire, oberflächlich sind und möglicherweise zu Missverständnissen einladen.

    In der Praxis werden solche Umfragen aber sehr akribisch durchgeführt, um solche Unklarheiten weitgehend auszuschließen. Ein Beispiel für die Methodik finden Sie hier ab Seite 49:

    https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=159776&token=c046b94f061255878306ea930e95f1bee68c2006

    Hier geht es zwar nicht speziell um den CMQ, aber das Verfahren ist bei den Umfragen zur allg. Verschwörungsmentalität das gleiche bzw. ist das Thema Verschwörungsmentalität alle paar Jahre auch Teil der Mitte-Studien.

  4. Carsten Ramsel

    @Bernd Harder

    Es sei methodisch ergänzt, dass nur jene Befragten des Religionsmonitors zu Verschwörungsanfällige oder Verschwörungsfundamentalisten werden, wenn sie mehr oder weniger allen drei Aussagen zustimmen, aber auch dies wird in den Methodenkapiteln der verschiedenen Studien erklärt.

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