Wenn man denkt, schlimmer geht’s nicht mehr …

Äh – nein, weder ist die Klimakrise beendet, noch verheimlichen die Medien irgendwas:

Vielen, die sich seit Langem mit Klimaschutz beschäftigen, dürfte RCP8.5 ein Begriff sein: So heißt das pessimistischste Szenario für die Emissionsentwicklung, das einen in klimatischer Hinsicht besonders schlimmen Verlauf des 21. Jahrhunderts beschreibt.
Einen Verlauf mit einer Verdreifachung des globalen Treibhausgasausstoßes, maßgeblich angetrieben von einer Verfünffachung der Kohleverbrennung als Resultat starken Wirtschafts- oder Bevölkerungswachstums. Eine Welt, in der die Menschheit auf ambitionierten Klimaschutz verzichtet. Oder, wie es international zumeist heißt: der Worst Case.
Vor rund anderthalb Jahrzehnten wurde das Szenario RCP8.5 formuliert – und galt in Fachkreisen schon bald darauf als unwahrscheinlich. Vielleicht schon seit dem Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015, in dem sich die Weltgemeinschaft auf das Zwei-Grad-Ziel einigte. Im darauffolgenden Jahrzehnt dann: Solarboom, Energiewende und angesichts der Kriege in der Ukraine und am Persischen Golf eine beschleunigte Flucht aus Öl und Gas.
Folglich haben Fachleute diesen Extremverlauf der Emissionen nun auch hochoffiziell aus dem mathematischen Werkzeugkasten verbannt, mit dem sie mögliche Klimazukünfte durchrechnen. Das folgt aus einem Fachaufsatz in der Fachzeitschrift Geoscientific Model Development, der Anfang April erschien.
Das rechtspopulistische Online-Medium NIUS versteigt sich gar zu der Frage:
Wenn das Szenario aber falsch war – war dann auch das Urteil falsch?
Gemeint ist damit der sogenannte Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021. NIUS und andere „Alternativmedien“ unterstellen dem BVG, massiv von dem „Extrem-Szenario“ RCP8.5 beeinflusst worden zu sein. Tatsächlich aber heißt es in dem Text nur:
Bei einem globalen Temperaturanstieg um mehr als 3°C bis zum Jahr 2100, der ohne zusätzliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels als wahrscheinlich gilt, werden drastische Folgen der Erderwärmung und des Klimawandels erwartet (BMU, Klimaschutz in Zahlen, Ausgabe 2019, S. 6 f.); aber auch bei einem geringeren Temperaturanstieg hat der Klimawandel bereits erhebliche negative Folgen für Menschen und Gesellschaften (a).
Auch in Deutschland hat der Klimawandel schon jetzt zahlreiche direkte Auswirkungen, die sich bei fortschreitender Erderwärmung drastisch verschärfen können
Nichtsdestotrotz gibt es „berechtigte Kritik an der Kommunikation und Nutzung von RCP8.5.“, räumen zum Beispiel die VEE Sachsen e.V. oder Der Standard ein:
Aber die rechte Erzählung macht daraus mehr, als die Quellen hergeben. Weder hat der IPCC die Klimakrise abgesagt, noch ist die Grundlage der Klimapolitik zusammengebrochen.
Im Gegenteil: Die sinkende Plausibilität von 8.5 zeigt, dass Klimapolitik, technologische Entwicklung und reale Investitionsentscheidungen bereits einen Unterschied gemacht haben. Das sollte man als Fortschritt benennen.
Aktuell steuere die Welt auf 2,6 Grad Erwärmung zu – und das sei keineswegs ein Grund zur Entwarnung, meint der Zeit-Redakteur Stefan Schmitt.
Natürlich wird das Zeitgenossen wie Herrn Broder nicht überzeugen, der es erklärtermaßen „absurd“ findet, sich auf Wissenschaftler zu berufen – aber natürlich nur, wenn es um etwas so Unbequemes wie den Klimawandel geht:
Seltsamerweise beruft Herr Broder sich total auf Wissenschaftler und ihre Erkenntnisse, wenn es etwa darum geht, mit einem Flugzeug sicher nach Berlin zu fliegen oder in einem TV-Studio zu sitzen und seine Sotissen in die Welt zu senden. Dann haben Elektrodynamik, Quantenphysik, Bernoulli-Prinzip, Signalverarbeitung etc. gefälligst zu funktionieren.
Nur wenn Herrn Broder eine wissenschaftliche Erkenntnis nicht in den Kram passt – dann ist es auf einmal „absurd“, sich auf einen 99-Prozent-Konsens der Wissenschaft zu berufen.
Zum Weiterlesen:
- Schmitt, Stefan „Schlimm genug wird es auch ohne Worst Case“ zeit (20. Mai 2026)
- „Klima-Szenarien angepasst: Erderwärmung halb so wild?“ Handelsblatt (20. Mai 2026)
- „Was die Streichung des extremen Klimaszenarios wirklich bedeutet“ derStandard (19. Mai 2026)
- „Worst-Case-Klimaszenario angepasst – aber keine Entwarnung“ Handelsblatt (19. Mai 2026)
- Kersting, Silke „Zu wenig, zu langsam, zu optimistisch – Expertenrat rügt Regierung“ Handelsblatt (18. Mai 2026)
- Wannenmacher, Tom „Lauterbach, WHO und Klima-Notstand: Was wirklich in dem Bericht steht“ mimikama (19. Mai 2026)
- „Klima-Desinformation erkennen: CO₂-Mythen & Faktencheck“ mimikama (17. April 2026)
- Klimafakten bei Helmholtz KLIMA
- „Weshalb leugnen Menschen den Klimawandel?“ uni-bonn (1. Februar 2024)
Titelfoto: Unsplash/Karsten Würth


Schreibe einen Kommentar