Homöopathie: „Wie kann das Bezahlen von Unwirksamkeit ökonomisch sinnvoll sein?“

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Nachdem die Petition #rettedeinehomöopathie: Sagen Sie Nein zur Streichung von Homöopathie bei Krankenkassen nach nur drei Tagen und 873 Unterschriften vorzeitig abgebrochen wurde und zum Beispiel der Bundesverband Patienten für Homöopathie (BPH) lediglich den immergleichen Quark breittritt (höhere „Lebensqualität“ bei onkologischen Patienten – falsch; „positive Effekte“ – falsch; „Kostenersparnis“ – falsch), hat auch der Journalist und Autor Peter Praschl langsam genug von diesem Zirkus:

https://kurzlinks.de/nrlu

In der Welt am Sonntag beantwortet Praschl die Standardargumente der Globuli-Fans auf seine Weise:

  • „Homöopathie kostet doch kaum etwas, nur ein paar Millionen, ein paar Cent pro Versichertem.“

Das ist ungefähr so, als würde man sagen: Warum sollten wir aufhören, Geldscheine aus dem Fenster zu werfen, es sind doch nur ein paar? […] Dann bitte auch Wärmflaschen und gelegentlich ein aufmunterndes Nicken beim Arztbesuch abrechnen. Ist auch alles nicht so teuer.

  • „Wenn wir die Homöopathie aus dem Krankenkassen-Leistungskatalog streichen, müssen die Menschen richtige Medikamente nehmen, und die sind bekanntlich kostspieliger.“

Dieser faszinierende Gedankengang besagt also: Wenn wir aufhören, etwas zu bezahlen, das nicht wirkt, dann müssen wir plötzlich etwas bezahlen, das wirkt – und das ist ein Problem. Homöopathie wird gewissermaßen zu einem prophylaktischen Nichtstun erklärt, das uns vor den Kosten wirksamer Behandlung schützt.

  • „Schulmedizinische Medikamente haben Nebenwirkungen. Die muss man dann wieder behandeln, und das macht alles noch teurer.“

Vielleicht sollten wir keine Autos mehr bauen, weil Unfälle passieren können, und uns stattdessen in schöne Holzattrappen setzen und Brummgeräusche machen. Das ist sicherer und spart Reparaturkosten.

Oder anders gesagt:

Die Sache mit der Homöopathie „nervt“ nur noch, wie Praschl abschließend erklärt. Schluss also mit diesem Unsinn, der „in eine Welt führt, in der Menschen ernsthaft behaupten, das Bezahlen von Unwirksamkeit sei ökonomisch sinnvoll, weil es die Kosten von Wirksamkeit vermeidet“.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Wikimedia

Kommentare

4 Kommentare zu „Homöopathie: „Wie kann das Bezahlen von Unwirksamkeit ökonomisch sinnvoll sein?““

  1. Genau diese Argumentation hat schon einmal der Leiter der Apothekenkammer Rheinland vorgetragen:

    „Die Summen, die derzeit für homöopathische Mittel aufgewendet würden, seien noch sehr gering, sagte der Vorstandsvorsitzende Preis der „Rheinischen Post“. Eine Abschaffung dürfte aber dazu führen, dass alternative Therapien mit sehr viel teureren Arzneimitteln umgesetzt würden. Zudem würden wirtschaftlich schwächer gestellte Menschen benachteiligt, da sie sich die homöopathische Behandlung nicht mehr leisten könnten. Das geplante Bezahlverbot ändere auch nichts am Status homöopathischer Produkte als apothekenpflichtig. Globuli etwa dürften weiterhin nur dort verkauft werden.“

    Eigentlich ist das Kunst. Solche Gedanken nicht nur zu haben, sondern auch noch öffentlich zu formulieren. Performance nennt man das wohl.

    Früher gabs dafür auch den schönen Begriff „Happening“.

    Mit dem Verbleiben der Apo-Pflicht hat er recht. Nur ist der einzig zulässige Schluss eben, dass die auch weg muss – mit der Arzneimitteleigenschaft für Homöopathie und Co. Das INH schreibt dazu gerade einen Brief an das Bundesgesundheitsministerium.

    Wann, wenn nicht jetzt?

  2. @ Udo Endruscheit:

    Die Leute sollen doch mal konkret sagen, welche homöopathischen Mittel dann durch welche „sehr viel teureren“ Mittel ersetzt werden. Am häufigsten werden wohl Homöopathika bei Erkältungen angewandt. Die werden sicher nicht durch teure Krebsmedikamente ersetzt, sondern hoffentlich durch gar nichts oder durch Kamillentee.

    Und wie groß muss die Not sein, wenn man zwar an die Mittel glaubt, sie aber partout nicht selbst zahlen will, obwohl sie doch nicht viel kosten, sondern dann lieber „sehr viel teurere“ andere Arzneimittel nimmt?

    „Eigentlich ist das Kunst. Solche Gedanken nicht nur zu haben, sondern auch noch öffentlich zu formulieren“: Besser kann man solche Gedankenwege wohl nicht charakterisieren.

  3. Es war interessant zu lesen, wie viele auf den Plan, Homöopathie als Kassenzulassung zu streichen, reagierten.

    „Dann bleibt das künftig Heilpraktikern überlassen, die haben wenigstens eine entsprechende Ausbildung.“

    oder auch:

    „Heilpraktiker dürfen Globuli erst anbieten, wenn sie eine mehrjährige Zusatzausbildung gemacht haben, im Gegensatz zu Ärzten“

    Stellte man diese absurden Thesen richtig („Heilpraktiker brauchen für die Globulivergabe weder eine Ausbildung, noch eine Zusatzausbildung“) wurde dagegengehalten, dass Heilpraktiker sich für Ganzheitlichkeit interessieren. Schon allein deswegen dürfte man voraussetzen, dass sie sich in dieser Hinsicht besser auskennen als Ärzte.

  4. Mit einem Anteil von 74 Prozent vertreten die meisten Leser in den Kommentaren eine deutlich wissenschaftsorientierte Haltung: Sie unterstützen die im Artikel vorgestellte Streichung der Kostenerstattung von Homöopathie durch die gesetzlichen Kassen und halten dies für längst überfällig. Begründet wird dies mit dem Mangel an belastbarer Wirksamkeit, Berichten möglicher gesundheitlicher Risiken bei verspäteten Diagnosen und der Forderung nach verantwortungsvollem Umgang mit Geld der Solidargemeinschaft. Viele betonen, dass Patienten homöopathische Mittel weiterhin privat erwerben können, sehen aber die Zeit für eine klare Trennung im System gekommen.

    https://www.focus.de/die-debatte/raus-aus-der-apotheke-mit-diesem-unsinn-leser-diskutieren-zu-homoeopathie_ff12878e-8304-4165-bdc0-b1a0f26a7458.html

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